„Hey, ihr Mäuse“ – Männer können Mäuse sein

Beginnt ein neues Zeitalter, wenn auch Männer mit einem Femininum mitgemeint werden können, also unter das Weibischei kommen? Denn bis heute werden in der Regel Feminina für Cis-Männer nur dann gebraucht, wenn sie eindeutig als Schimpfwörter gemeint sind wie die Memme, Lusche oder Pfeife und keinesfalls als Anrede wie in „Hi, du Maus“ für einen Mann. Dies ist auch bei männlichen Homosexuellen der Fall, wenn es die Schwuchtel, Tunte oder Tucke heißt, dann handelt es sich auch eindeutig um Abwertungen.ii Generische Feminina haben die wenigsten von uns auf dem Schirm – und das ist auch nicht zufällig so. Denn nur das generische Maskulinum ist jenes Genus, das unser ständiger Begleiter ist, ob wir es nun wollen oder nicht.

Die Maus ist schon länger als Personenreferenz und nicht nur für ein Nagetier unter jungen Leuten in Gebrauch, aber doch in einer etwas anderen Form als heute. Da taucht Maus nicht wie früher, oft auch noch in verkleinerter Form, als Mausi, eingeschränkt nurfür Frauen und Kinder, sondern genderneutral als Anredeform für alle auf. Eine Koseform die exklusiv für Frauen auch in der Öffentlichkeit verwendet wurde, war Mausi, vor allem für Ehefrauen oder Freundinnen. Als bekanntestes Beispiel hierfür dient die Ex-Ehefrau von Richard Lugner, Christina Lugner, auch Mausiiii von ihrem Ehemann in der Öffentlichkeit so genannt und in der Presse wiedergegeben.

Wie eingeschränkt heteroweiblich Maus in den letzten Jahrzehnten über die Koseform hinaus für weiblich tradierte Berufsbezeichnungen verwendet wurde, verdeutlichen Zusammensetzungen wie etwa die Karbolmausiv oder das Karbolmäuschen. Unter Karbolmaus (f) wird eine junge und hübsche Krankenschwester scherzhaft verstanden, während unter Karbolfeldwebel (m)v eine herrschsüchtige Oberschwester gemeint ist, abwertend für eine Managerin im Gesundheitsbereich. Denn sobald eine Frau über eine Führungsposition verfügt, wird sie als Abweichung von der weiblichen Norm sanktioniert und damit pejorisiert. Dies trifft auch auf die maskuline Form Feldwebelvi (m) für eine Frau zu, bei der es es sich natürlich nicht um eine Rangbezeichnung beim Militär handelt, sondern um eine Ehefrau, die energisch und laut in den eigenen vier Wänden auftritt.

Auch ältere feste Wendungen wie etwa eine graue Maus sein oder ein Mäuschen sein verweisen auf die Notwendigkeit oder die Voraussetzung von weiblich gelesenen Personen – jung, attraktiv und hübsch zu sein. Denn eine graue Maus oder ein Mäuschen ist all das nicht, attraktiv für das heteromaskuline Begehren. Diese Bedeutungsverengung auf weibliche Minderjährige und Erwachsene wird im Online-Duden mit keinem Wort erwähnt. Es wird nur unter weitere idiomatische Wendungen eingereiht, während beim Artikeleintrag graue Mausvii im Großen Duden (2012) indirekt klar wird, dass es sich nur um Frauen handeln kann, da von einer unscheinbaren Person, die wenig aus sich zu machen versteht oder der wenig Beachtung geschenkt wird, die man für farblos hält, gesprochen wird.

Hinzu kommt, dass die Verwendung des Übergebriffs Person und nicht Mensch in der Definition in der Regel auf eine weiblich gelesenen Person verweistviii, da Person lange als Synonym für Frauen vorgesehen war, und es bis heute auch in der lexikalischen Darstellung ist. Emotional und oft abschätzig gemeint steht Person nur für eine Frau oder ein Mädchen und meint eine eingebildete, häßliche, unangenehme, langweilige, alberne, ungeschickte, niederträchtige, schlechte, bösartige, gemeine, ordinäre, gefährliche, verkommene, falsche, leichtfertige Person.ix Auffallend sind daher die nur männlichen Beipielphrasen wie es fehlt ihm aller Glanz, er ist eher eine graue Maus. Nur im Literaturzitat erscheint dann wieder die Verengung der Übergebriffs Person auf Frau, wenn es heißt „In dem Pfarrersmilieu … galten Frauen wenig, sie waren graue Mäuse, die sich im Hintergrund zu halten hatten.“ Es wird so getan, als gäbe es diese semantische Restriktion, also die Einengung auf Frauen gar nicht, nur in der Bedeutung (6) tritt dann der weibliche Bezug ganz klar hervor, wenn Maus als Synonym für das weibliche Genital, die Vulva, angegeben wird – was weit weniger gebräuchlich als graue Maus ist.

Zurück zum generischen Femininum Maus selbst, das als Basislexem nicht nur als Personenreferenz sehr produktiv war und ist. Neben der Computermaus, kann es auch Geld oder auch einen Teil des Schweineschlögels und vieles mehr bedeuten – aber eben auch das weibliche Genital, die Vulva, womit wir wieder bei der Frau wären. Denn auch eine süße Maus war lange Frauen vorbehalten, und das nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in der Öffentlichkeit. Kosenamen haben dort eigentlich nichts zu suchen, etwas, das für Männer immer, aber für Frauen nur bedingt gilt, wie der Fall Jenna Behrends, einer jungen CDU-Abgeordneten, zeigt. Sie wurde von einem Parteikollegen öffentlich vor 10 Jahren „große süße Maus“ bezeichnet, aber nicht nur das, es ging noch weiter – und sie ging damit an die Öffentlichkeit.

„Behrends erzählte in dem Brief, dass ein Berliner Senator der CDU auf einem Parteitag erst ihre zwei Jahre alte Tochter ‚kleine süße Maus’ nannte und dann sie, die Mutter, ‚große süße Maus‘. Genau dieser Senator habe später angeblich einen Kollegen aus dem Abgeordnetenhaus gefragt: ‚Fickst du die?‘ Der Senator hieß Frank Henkel, der Kollege hieß Sven Rissmann.“x

Große süße Maus als Politikerin genannt zu werden heißt im Subtext, attraktiv und sexy zu sein, damit sie als Sexualpartnerin für einen Mann überhaupt in Frage kommt. Es ist nichts gegen eine solche Koseform privat einzuwenden, aber auf dem politischen Parkett war dies auch 2016 nicht nur ein Ärgernis, sondern eine unzulässige, herablassende und sexualisierende Reduktion einer Politikerin auf sexuelle heteromännliche Phantasien. Bei Politikerinnen wird auch heute nicht alleine ihre Professionalität in der Öffentlichkeit verhandelt, sondern das ganz als selbstverständlich angesehene sexuelle Begehren von meist älteren Männern. Die Betonung liegt hier auf „selbstverständlich“ oder vielleicht trifft es auch „rechtmäßig“ besser, denn die Frau war und bleibt scheinbar für den Cis-Mann unabhängig, ob professionell oder privat, in erster Linie ein sexuelles Objekt.

So eine kleine und schwache Maus war lange kein Tier mit dem ein „starker Mann“ verglichen werden wollte und es auch nicht wurde, da die Maus selbst und das Mausi oder Mäuschen Kindern und Frauen vorbehalten waren – und damit klar war, das kommt für Männer nicht in Frage. Wenn also das generische Femininum Maus heute für alle, und vor allem auch für und von jungen Männer/n in Communities verwendet wird, dann kommt das schon einer kleinen Revolution gleich – dann bewegt sich etwas. So sprechen Bill und Tom Kaulitz Männer absichtlich als Mäuse an, denn Maus sei einfach eine „liebevolle Ansprache“, meint Tom Kaulitz.

„Definitiv kann jeder Mann eine Maus sein (…) Das ist überhaupt keine Frage der sexuellen Orientierung, bei uns im Umfeld sind wirklich alle Mäuse, egal, welchen Beruf, welches Alter oder welche Partner sie haben.“xi

Eine Anredeform im allumfassenden Femininum wie die Maus für einen Mann ohne jeglichen männlichen Marker, die nicht nur für weiblich gelesene und queere Personen gilt, das kann schon etwas. Denn wenn alle Mäuse sein können und es munter mit den vielen Neubildungen wie Lesemäuse oder Süßmäusexiiso weiter geht, dann fallen patriarchale Hierarchien. Es mag noch gewöhnungsbedürftig sein, aber was für das generische Maskulinum schon lange gilt, sollte auch für das generische Femininum ganz selbstverständlich werden – es muss alle meinen können und dürfen – alles klar „ihr Mäuse“.

iweibisch [spätmittelhochdeutsch wībisch] (abwertend): nicht die für einen Mann als charakteristisch erachteten Eigenschaften habend, nicht männlich; feminin (1 c): ein weibischer Schönling; seine Bewegungen wirkten weibisch; Der weibische Pfaff in Seide, wie er im Buch steht (Benrath, Konstanze 139); Es war eigentlich kein männliches Gesicht, eher weichlich, um nicht zu sagen weibisch (Riess, Cäsar 15). © DUDEN – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache,|4. Aufl. Mannheim 2012 [CD-ROM].

iiDie Einordnung von männlichen Schimpfwörtern in die „falsche“, nämlich die feminine Genusklasse ist strukturell im Deutschen verankert: „Ebenso werden homosexuelle Männer aus ihrer passenden Genusklasse ausgeschlossen, was ihre (historische) gesellschaftliche Verachtung spiegelt: Indem sie das gleiche Geschlecht begehren, wie dies Frauen typischerweise tun, werden sie grammatisch feminisiert (die Schwuchtel, Tunte, Tucke). Gleiches gilt fur männliche ‚Versager‘, deren Verhalten als unmännlich betrachtet wird (die Memme, Lusche). Damit verweist Genus nicht nur auf Sexus (a), sondern vielmehr und subtiler auf soziale Genderrollen (b).“ Diewald, Gabriele, Nübling, Damaris, Hginn. Genus – Sexus – Gender. Berlin [u.a]: De Gruyter, 2022, 6-7; vgl. auch den Genuswechsel männlicher Pejorativa vom maskulinen in feminines Genus wie die Memme oder Trine, Tunte oder Tucke (die 3 letzteren gehen alle auf Abwertungen von weiblichen Bezeichnungen zurück) versus femininer Pejorativa in neutrales Genus wie das dumme Ding oder Luder. Männliche Schimpfwörter verbleiben in der Regel in der belebten Genusklasse, dem Femininum. Weibliche hingegen wechseln in die unbelebte Genusklasse, das Neutrum, und werden somit verdinglicht, während maskuline in der Regel menschlich bleiben, in: Pober, Maria. Redefining the Hypernym Mensch:in in German. Gender, Sexuality, and Personhood, Lanham: Lexington, 2023, Chapter 3.1 Objectification versus Humanization and 3.2. Pejorativization versus Melioration, 179-206.

iii Trompitsch, Lisa. Tod von Richard Lugner: Christina „Mausi“ Lugner trauert um ihren „Lebensmenschen“, Kurier, 12.08.2024; https://kurier.at/stars/austropromis/tod-von-richard-lugner-christina-mausi-lugner-trauert-um-ihren-lebensmenschen/402935384, 27.08.2026.

ivKarbolmaus, die: seltener Gebrauch; umgangssprachlich, scherzhaft (junge, hübsche) Krankenschwester; Synonym: Karbolmäuschen; „Karbolmaus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Karbolmaus>, 05.07.2026.

vKarbolfeldwebel, der: umgangssprachlich, abwertend, veraltet herrschsüchtige, kommandierende Stations- oder Oberschwester; „Karbolfeldwebel“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Karbolfeldwebel>, 05.07.2026.

viFeldwebel, der (3):energische, laute weibliche Person; umgangssprachlich abwertend, Online-Duden, 29.08.2026.

viigraue Maus (umgangssprachlich abwertend; unscheinbare Person, die wenig aus sich zu machen versteht, der wenig Beachtung geschenkt wird, die man für farblos hält: es fehlt ihm aller Glanz, er ist eher eine graue Maus; In dem Pfarrersmilieu … galten Frauen wenig, sie waren graue Mäuse, die sich im Hintergrund zu halten hatten [Dierichs, Männer 63]); © DUDEN – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache,|4. Aufl. Mannheim 2012 [CD-ROM].

viiiWenn Person in der Definition im Wörterbuch für feminine Personenbezeichnungen verwendet wird, dann wird nur von Person gesprochen, wenn Person für maskuline verwendet wird, dann wird dezidiert „männliche Person“ in der Artikeldefinition angeführt; vgl. Pober, Maria. Redefining the Hypernym Mensch:in in German. Gender, Sexuality, and Personhood, Lanham: Lexington, 2023, Chapter 2.2.3 The female and the male Person, 111-121.

ixPerson, f (ursprünglich aus dem Lateinischen die Maske oder Rolle des Schauspielers [sic!]; meist mit einem cf. adjektiv) emotional und oft abschätzig für eine Frau, ein Mädchen: eine eingebildete, häßliche, unangenehme, langweilige, alberne, ungeschickte, niederträchtige, schlechte, bösartige, gemeine, ordinäre, gefährliche, verkommene, falsche, leichtfertige Per­son. cf. Frauensperson, freche Person, Weibsperson; Pfeiffer, Herbert. Das große Schimpfwörterbuch. Über 10.000 Schimpf-, Spott- und Neckwörter zur Bezeichnung von Personen. 2nd ed. Frankfurt: Eichborn, 1997.

xStuff, Britta. CDU-Politikerin Jenna Behrends Sie nannten sie Maus Vor einem Jahr beklagte die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends in einem offenen Brief die Frauenfeindlichkeit ihrer Partei. Wie ist es ihr seither ergangen? Der Spiegel, 20.11.2017; https://www.spiegel.de/spiegel/cdu-mitglied-jenna-behrends-was-wurde-aus-ihrem-sexismus-protest-a-1179305.html, 20.08.2026.

xiBill und Tom. Kaulitz-Zwillinge sprechen Männer absichtlich als Mäuse an. Mann oder Maus? Beides! Das finden zumindest Bill und Tom Kaulitz. Andere Männer mit »Maus« anzusprechen, tauge durchaus auch als Eisbrecher. Der Spiegel, 10.07.2026; https://www.spiegel.de/panorama/leute/bill-und-tom-kaulitz-sprechen-maenner-absichtlich-als-maeuse-an-a-32bb57cd-6f6e-47aa-a418-003561b87271; 21.07.2026.

xii„Ich bin eine Journalistenmaus, Sie sind eine Leserinnenmaus, und ein Mörder ist der Logik nach dann eine Killermaus. Maus, das ist universell einsetzbar. Es hat sich vom Spitznamen für die Liebsten zum absoluten Trendbegriff gemausert (höhö). Maus nennen sich eben nicht mehr nur die Partner, Maus sagen die Kolleginnen zueinander, die Mama ist eine Maus,(…) Will man die Mausigkeit noch steigern, bezeichnet man jemanden als ‚echte oder richtige Süßmaus‘“. Der Standard, 03.02. 2024, https://www.derstandard.at/story/3000000205677/maus-delulu-und-situationship-was-redet-die-jugend-da-ueberhaupt, 27.08.2026.